KfS-Veranstaltungen

31.08./01.09.2012, Gelsenkirchen & Mülheim/R.: Verantwortung im Stadtteil teilen

Kirche in neuen Bündnissen vor Ort

Die Tagung in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ brachte Vertreter und Vertreterinnen aus Kirche und Politik, Verwaltung, Wohnungswirtschaft und Wissenschaft zusammen, um unkonventionelle lokale Bündnisse zur Stadtteilentwicklung zu diskutieren. Mit dem Vor-Ort-Termin in der St. Lukas-Kirche am KfS-Regionalknoten-Standort Gelsenkirchen-Hassel wurde der Blick in die Praxis solcher Bündnisse gelenkt und damit eine Grundlage für die anschließende Reflexion über neue Modelle der Kooperation gelegt.

 

Im Gelsenkirchener Stadtteil Hassel konnten die Tagungsteilnehmer/innen Einblick in einen Prozess nehmen, bei dem sich das Gemeindezentrum der Ev. Lukas-Gemeinde zum Stadtteilzentrum für ganz Hassel entwickelt. Repräsentanten der verschiedenen Träger der 2011 gegründeten Bürgerstiftung „Leben in Hassel“ (www.lebeninhassel.de) berichteten über Anlässe und Beweggründe zur Aufnahme eines gegenseitigen Öffnungsprozesses: Dr. Rolf Heinrich, Pfarrer der Ev.-Lukas-Gemeinde bis 2011 und Vorsitzender der Stiftung „Leben in Hassel“; Michael von der Mühlen, Stadtdirektor Gelsenkirchen; Kristina Jahn, Geschäftsführerin Bereich Westfalen, Wohnungsunternehmen Deutsche Annington; Heike Lorenz, Diakoniewerk Gelsenkirchen und Wattenscheid e.V.; Hermann Spickermann, Kath. Kirchengemeinde St. Pius, Hassel;. Irmgard Schiller, Koordinierungsstelle Stadterneuerung, Stadt Gelsenkirchen). Es wurde erkennbar, aus welchen verschiedenen Positionen heraus neue Allianzen im Interesse einer gemeinsamen Perspektive für den Stadtteil geschlossen wurden. Dabei ist – zudem unter ökonomisch ungünstigen Rahmenbedingungen – vor Ort ein besonderer Erfahrungsschatz gewachsen, von dem Akteure in anderen Quartieren lernen können.

 

Mit weiteren Standorten, der Schul- und Sozialkirche St. Jakobus in Oberhausen-Tackenberg (www.jakobus-sozialkirche.de) und dem Intergenerativen Zentrum (IGZ) als Gemeinschaftsprojekt in Dülmen (www.fbs-duelmen.de) wurden andere Modelle einer kooperativen und übergreifenden Sozialraumarbeit vorgestellt.

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In zwei Hauptreferaten wurde die Arbeit für den Sozialraum aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Prof. Dr. Klaus Wermker, Honorarprofessor für Stadtentwicklung an der Universität Duisburg-Essen und bis 2009 Leiter des Büros Stadtentwicklung der Stadt Essen, referierte zur Position der kommunalen Planung und zum Gestaltungsspielraum für Sozialraum orientiertes Handeln. Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl, Professor für Theologische Ethik an der Kath. Hochschule für Sozialwesen in Berlin, hatte die Aufgabe übernommen, die theologische Grundlage für ein breites Engagement im städtischen Raum zu vermitteln. An der anschließenden Podiumsdiskussion wirkten neben den beiden Referenten mit: Reinhard Thies, Diakonisches Werk der EKD, Berlin; Dr. Michael Schlagheck, Direktor der Kath. Akademie „Die Wolfsburg“; Heike Hilgendiek, Landessozialpfarrerin, Ev. Kirche von Westfalen; Domkapitular Dr. Michael Dörnemann, Bischöfliches Generalvikariat, Dezernent für Pastoral im Bistum Essen, Andreas Meiwes, Diözesan-Caritasdirektor des Caritasverbands für das Bistum Essen e.V.

 

Weitere Erkenntnisse in Kürze:

  • Für die Vernetzung diakonischer Arbeit mit anderen (öffentlichen und zivilgesellschaftlichen) Akteuren ist es notwendig, die kirchlichen Akteure für Strategien zur Suche und zur Schaffung solcher Bündnisse zu qualifizieren (Thies, DW EKD); in der diakonischen Ausbildung fehle bisher das Thema „Strategien zum Hinaustreten aus der Kirche in den Sozialraum“. Ein Blick auf den Kreis kirchlicher Akteure im Sozialraum zeige, dass es bisher noch zu wenig gelungen sei, die eigentlichen Amtsträger (d.h. die Pfarrer) für diesen Weg aus der Gemeinde in den Stadtteil zu gewinnen und vielfach erst eine Sensibilität für das Thema „Sozialraumkompetenz“ geschaffen werden müsse. Dann falle es umso leichter, sich auf zivilgesellschaftliches Engagement einzulassen und es auch zu fordern.
  • Zu Beginn eines jeden Projekts, das gemeinschaftlich mit Bürgern im Stadtteil betrieben werden soll, ist eine aktive Ansprache, ein direktes Zugehen auf die Bürger unerlässlich. Dabei sollte keine vorgefasste Erwartungshaltung mitschwingen, sondern eine Offenheit für die geschilderten Problemlagen vorhanden sein. Dazu gehört auch, sich an den örtlichen Gegebenheiten zu orientieren und keine Maßstäbe aus anderen Projekterfahrungen anzulegen. Für dieses Heben zivilgesellschaftlichen Engagements im Quartier sollten geschulte Personen „unterwegs“ sein, vorzugsweise solche der Kirche.

  • In der alltäglichen Arbeit kooperativer Stadtteilarbeit mit vielen Beteiligten in ganz unterschiedlichen Funktionen ist es wichtig, die Perspektive der Partner wahrzunehmen und deuten zu können. Hierin liegt die Basis für ein gelingendes Miteinander. Es bedarf einer strategischen Herangehensweise, die einerseits ein hohes Maß an regionaler Vernetzung erreicht und andererseits Konkurrenzsituationen vermeidet. Diese Zusammenarbeit sollte auch im „System Kirche“ implementiert werden. In der Projektarbeit sollte immer auch sichtbar bleiben, welcher Mehrwert und welche Potenziale in ihr stecken.

  • Schon beim Aufbau von Projektstrukturen sollten die Bedingungen ihrer Verstetigung im Blick behalten werden. Es macht sich bezahlt, auch kleine Schritte in einem großen Projekt gemeinsam zu ergreifen und stets alle Akteure im Gestaltungsprozess „mitzunehmen“.

  • Ein erfolgreicher „Aufbruch ins Quartier“ fällt leichter, wenn ein gutes Verständnis und Wissen um die Strukturen im Sozialraum gegeben ist. Im Bistum Essen hilft hierbei neuerdings ein Geografisches Informationssystem (GIS), das kleinräumig umfangreiche Sozialdaten und andere statistische Angaben liefert (z.B. zur Demografie, zu Bildungseinrichtungen und zur Verteilung jeglicher sozialer Infrastruktur). Sie werden auf Anfrage Kirchengemeinden zur Verfügung gestellt. Intendiert ist vor allem, dass die Pfarreien im Bistum eine fundierte Pastoralplanung betreiben können.

 

Kirche findet Stadt ist eine Plattform im Aufbau, die zu einer Strategie verstetigt werden sollte. Verantwortung im Stadtteil teilen heißt auch Verantwortung zu bündeln. Interessen gemeinsam zu verfolgen bedeutet auch gemeinsam an Profil zu gewinnen. Die diskutierten Modelle und Beispiele dienen als Ermutigung und Anstoß für andere (Thies, DW EKD, Potz, KfS-Transferstelle).

Der Direktor der Kath. Akademie „Wolfsburg“ Michael Schlagheck dankte den etwa 80 Teilnehmenden für die engagierte Mitwirkung an der Diskussion um eine „Kirche in neuen Bündnissen“, die sich damit auch Möglichkeiten eröffnet, gemeinsam größere Probleme zu bewältigen.

 

In der Folge dieser Veranstaltung ist am 04.11.2013 ein Studientag in der „Wolfsburg“ zusammen mit dem Dezernat Pastoral und dem Diözesancaritasverband zu den Möglichkeiten sozialraumorientierter Gemeindearbeit im Bistum Essen geplant.

 

Kirche findet Stadt. Betroffene werden zu Beteiligten »
In: Akzente, Kath. Akademie Die Wolfsburg, Mülheim/Ruhr, Januar 2013, S. 2


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