KfS-Veranstaltungen

18.-20.05.2012, Bad Herrenalb (b. Karlsruhe): Stadt macht Zukunft.

Handlungsfelder einer sozialen Stadtentwicklung

Auf der Tagung der Ev. Akademie Baden in Bad Herrenalb in Kooperation mit der Stadt Karlsruhe ging es insbesondere um die Frage, wie sich die Partizipationsmöglichkeiten der Bürger erweitern lassen und die demokratische Kultur einer Stadt fördern lässt.

 

„Die soziale Differenzierung und Spaltung in Deutschland nimmt zu. Mehr denn je geht es darum, das Zusammenleben der Menschen in ihren Nachbarschaften durch städtebaulich, sozial-, bildungs- und arbeitsmarktpolitisch integrierte Maßnahmen zu unterstützen ...“ (Aufruf des Deutschen Städtetags und des Deutschen Mieterbunds vom Januar 2011.) Mit der Initiierung des Städtebauförderungsprogramms „Soziale Stadt“ wurde das Soziale im wahrsten Sinne des Wortes dem Baulichen vorangestellt. Eine soziale Stadtentwicklung umfasst viele Handlungsfelder, die vor Ort in Städten und Gemeinden sozialer Antworten bedürfen. Eine der großen Herausforderungen für die Stadtplanung ist es, auf die veränderte demografische Sozialstruktur aber auch die veränderten Bedingungen am Arbeitsmarkt zu reagieren. Konzepte sind gefragt, die auch künftig Städte zu Orten einer sozialen und ökologisch lebens- und liebenswerten Heimat machen.

 

Reinhard ThiesReinhard Thies vom Diakonischen Werk der EKD erläuterte den Projektverbund „Kirche findet Stadt“ mit seinem Anliegen, kirchlich-verbandliche Strukturen vor Ort stärker in die Anliegen integrierter Stadtentwicklung einzubinden und somit strategische Partnerschaften für die Entwicklung von Orts- und Stadtteilen einzugehen. Die Bündelung von Zeit und Mitteln für die Herausforderungen des gesellschaftlichen Umbaus steht dabei im Mittelpunkt. Die Plattform „Kirche findet Stadt“ will den Dialog an der Schnittstelle zwischen zivilgesellschaftlichen Kräften und Stadtentwicklung voranbringen und erfolgreiche und ermutigende Ansätze verbreiten.

 

Wie lassen sich die Partizipationsmöglichkeiten der Bürger erweitern? Unter welchen Bedingungen wächst der soziale Frieden? Was sind sinnvolle Steuerungsinstrumente der Stadtplanung? Und vor allem: Wie lässt sich eine urbane Identität gewinnen, die dem Ziel verpflichtet ist: „Die Stadt gehört allen.“?

 

Frauke Burgdorff

Bildung als Motor der Quartiersentwicklung war neben neuen Wohnformen (gemeinschaftliches Wohnen, Baugruppen etc.) und Sportentwicklungsplanung als Potenzial zur Integration eines der Themenfelder, das auf der Tagung sowohl anhand Karlsruher Ansätze als auch durch weitere Inputs näher beleuchtet wurde. Beispielsweise konnte Frauke Burgdorff von der Montag Stiftung Urbane Räume ihr Projekt zur Quartiersentwicklung in Köln-Kalk vorstellen, bei dem der Focus auch auf der Initiierung einer Bildungslandschaft liegt. Dabei geht es um einen erweiterten Begriff von Bildung im Stadtteil – inkl. der Vereine und Jugendeinrichtungen. Hier ist es eine private Stiftung, die Projekte entwickelt, die mit den Mitteln der Stadtentwicklung, des Planens oder des Bauens zur Verbesserung der Lebensverhältnisse von Menschen beitragen will. Die Stiftung engagiert sich im Stadtteil, bündelt Ideen, entwickelt Konzepte und betreibt auch ein Quartierbüro. Sie kann allerdings nicht die notwendige, kommunale Gemeinwesenarbeit übernehmen. Diese sollte auch in Zukunft von den Kommunen eingesetzt werden. Was sie übernehmen kann, ist die Unterstützung von Selbstorganisationsprozessen, z.B. über lokale Verfügungsfonds, deren Verteilung durch die Bewohnerschaft entschieden wird.

 

Zur Tagung wurde von der Ev. Akademie folgender Bericht verfasst.

Den öffentlichen Raum neu entdecken. Handlungsfelder einer sozialen Stadtentwicklung

 

Wie werden sich die Wohn- und Lebensverhältnisse in einer Gesellschaft ändern, in der die Menschen immer älter werden? Was bedeutet es für das Zusammenleben, wenn in größeren Städten unseres Landes der Anteil von Zuwanderern schon heute mehr als ein Drittel ausmacht? Auf der Tagung "Stadt macht Zukunft. Handlungsfelder einer sozialen Stadtentwicklung" der Evangelischen Akademie Baden ging es um Zukunftskonzepte angesichts eines gesellschaftlichen Umbruchs, der mit Stichworten wie demographischer Wandel, veränderte Familienstrukturen und Spaltungsprozesse in Arme und Reiche zu beschreiben ist.

 

Der Soziologe Thomas Klie von der Evangelischen Hochschule Freiburg zeichnete die Veränderungsprozesse der europäischen Stadt seit der Industrialisierung nach. Das Versprechen auf ein besseres Leben in der Stadt sei eines der traditionellen Motive für urbane Zuwanderung gewesen. Vor dem Hintergrund sozialer Spaltungsprozesse entlang ökonomischer und kultureller Grenzlinien sei dies aber nicht mehr ohne weiteres gegeben. Die Verantwortung für den öffentlichen Raum müsse darum neu entdeckt und organisiert werden. "Der Idealtyp des sich verantwortlich fühlenden Stadtbürgers ist heute kaum noch zu finden. Es dominieren abwesende Investoren", sagte Klie. Er plädierte für eine Stadtentwicklung als Kulturentwicklung. Neue Kommunikationsformen zwischen Jungen und Alten, Einheimischen und Zugezogenen müssten ausprobiert werden. Die Zukunft der Stadt, so Klie, liege in einer Neubelebung der Nachbarschaft.

 

Albrecht Göschel"Ist das, was gesellschaftlich passiert, überhaupt steuerbar", fragte der Berliner Stadtplaner Albrecht Göschel. In seinem Beitrag beschrieb er soziale, ökologische und kulturelle Megatrends, welche die Handlungsmöglichkeiten für die kommunale Stadtentwicklung eingeschränkten. In den letzten hundert Jahren sei die Freiheit des Einzelnen, sich zu bewegen, zu informieren und zwischen Produkten zu wählen, zweifellos immens gewachsen. Diese "Optionserweiterung" bedeute aber auf der anderen Seite eine Verengung, da sie Menschen emotional überfordere und in ökologisch wie sozialer Hinsicht zu "Verengungen und Platzmangel" führe. Rettung könne durch zivilgesellschaftliches Engagement kommen, wo Bürger sich aus dem Denken klientelpolitischer Interessenvertretung lösten und kooperativ den sozialen Herausforderungen des Gemeinwesens stellten.

 

Wie sich Stadtentwicklung konkrete in Karlsruhe vollzieht, wurde an exemplarischen Arbeitsfeldern aufgezeigt: Schule als Ort der Quartiersentwicklung, gemeinschaftliche Wohnprojekte sowie Sportvereine als Integrationsfaktoren bei interkulturellen Begegnungen. Martin Lenz, Bürgermeister der Stadt Karlsruhe, die als Kooperationspartnerin der Tagung beteiligt war, verwies in diesem Zusammenhang auf gelungene Ansätze einer breiten Bürgerbeteiligung.

 

Klaus DörnerVon einem "epochalen Schock" sprach der Sozialpsychiater Klaus Dörner (Hamburg): der Gesellschaft sei mittlerweile deutlich geworden, dass sich die Vision der Moderne auf eine leidensfreie Zukunft durch immer bessere Leistungen in Medizin und Ökonomie als hohl erwiesen habe. Das Ausmaß an zu erwartendem Hilfebedarf in einer immer älter werdenden Gesellschaft sei dagegen historisch neu. "Wir brauchen die Bürger, um diesen Hilfebedarf schultern zu können", sagte Dörner. Hoffnung mache eine wachsende "Helfensbedürftigkeit". Darunter versteht Dörner den sich vielerorts manifestierender Wunsch von Bürgern, sich ehrenamtlich in Hospizgruppen, Nachbarschaftsvereinen oder Stadtteilinitiativen zu engagieren. So entstünde zwischen Familie und Gesellschaft ein "dritter Sozialraum", in dem auch Kirchengemeinden mit ihren zahlreichen Vernetzungen im Quartier eine wichtige Rolle spielten.

 

Akademiedirektor Klaus Nagorni (Karlsruhe) unterstrich die Notwendigkeit einer Gemeinwesendiakonie, bei der sich Kirche und Rathaus nicht mehr als fremde Partner gegenüberstehen, sondern sich als Teil derselben Bürgergesellschaft versteht, die an den Nöten wie an den vielfältigen Kompetenzen eines Stadtteils teil hat. Die Kirche vor Ort, mitten drin im Quartier, sei in guter biblischer Tradition ein "Möglichkeitsraum", wo Fremde ohne Vorbehalt einander begegnen, Milieugrenzen überwunden und ein neuer Zusammenhalt probiert werden könne.

 

Um die in einem Stadtviertel vorhandenen Potentiale und Talente abzurufen, bedürfe es allerdings, so noch einmal Klaus Dörner, der "Kunst des Klinkenputzens". Der Appell gegenüber Dritten dürfe nicht sein: "Wir brauchen Ihre Hilfe, bitte tun Sie etwas für uns!", sondern die Kernbotschaft müsse lauten: "Was können wir für Sie tun?"


Vorträge als pdf

Wohin entwickeln sich unsere Städte? Herausforderungen für die Bürgergesellschaft»
Professor Dr. Thomas Klie, Evangelische Hochschule Freiburg

„Auf die Menschen kommt es an ...“ Stadtentwicklung unter dem Aspekt der Bürgerbeteiligung»
Christian Fulda, Amt für Stadtentwicklung, Stadt Karlsruhe

 

Mega-Trends in der Stadtentwicklung.Die soziale und kulturelle Entwicklung unserer Städte»
Albrecht Göschel, Stadtplaner, Berlin



Programm als pdf »